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Regulation & Resonanz: Ein dynamischer Prozess

In Zeiten exponentieller Beschleunigung, Hyperstimulation und gleichzeitig komplexer werdender Anforderungen sind Stress und Erschöpfung längst nicht mehr nur erwartbar, sondern weitgehend bereits normalisiert. Das zeigt sich häufig dort, wo es besonders zählt: In unseren Beziehungen - zu anderen, uns selbst und der Welt. 

Viele Menschen in meiner Praxis haben bereits viel für sich getan, sind reflektiert. Sie regulieren sich. Sie halten durch. Sie managen sich oft bei hoher Intensität und chronischem Stress. Sie bringen häufig unter Druck besondere Leistungen. Diese Fähigkeiten zur Regulation haben sie weit getragen — beruflich, in Beziehungen, im Alltag.


Und doch ist da oft ein merkliches Unbehagen, etwas bleibt fremd. Häufig wird das in etwa so formuliert: „Ich fühle mich mit mir selbst nicht mehr verbunden“. Etwas ist nicht (mehr) synchron. Nicht weil noch zu wenig Wissen und auch Einsicht da wäre. Sondern weil die Art, wie man sich selbst begegnet und auf sich selbst bezieht, instrumentell (geworden) ist: Gefühle werden schnell bewertet, kontrolliert, eingeordnet. 


In vielen modernen Domänen – sei es Arbeit, Führung, Elternschaft oder digitale Kommunikation – wird eine Art performativer Selbststeuerung zur Konstante. Wir sind es gewohnt, uns selbst wie Projekte zu behandeln: regulieren, anpassen, verbessern, vermeiden. Das Erleben wird in gewisser Weise zum Material - für Selbstoptimierung und Stabilisierung, Bewältigung und Kontrolle, Funktionsfähigkeit. Mit smart devices und AI assistance/companionship wird diese Form der instrumentellen Beziehung in den nächsten Jahren vermutlich noch um ein Vielfaches „naheliegender“ werden, als es mit Self-Tracking und -Monitoring bereits gewohnte Selbstbeziehung ist. 


Die Prozessforschung zu nachhaltigen Veränderungen in der Therapie zeigt demgegenüber seit Jahrzehnten: Therapie wirkt dort am stärksten, wo Menschen nicht nur ÜBER Erfahrung Bescheid wissen, sondern aus dem unmittelbaren, noch undefinierten, jedenfalls noch nicht integrierten Erleben heraus sprechen lernen. 

 

In meiner therapeutischen Arbeit differenziere ich zwischen der Fähigkeit, Erleben zu regulieren, und der Fähigkeit, diesem zu begegnen.

Regulierung fragt: Wie bleibe oder werde ich funktions- und leistungsfähig?


Resonanz fragt: Was geschieht eigentlich gerade und wie erlebe ich mich dazu in Beziehung?

Resonanz ist relational. Sie betrachtet Emotionen als etwas, dem man begegnen und auf das man dann antworten kann und auch muss, möchte man sich dadurch verändern lassen (response-ability). 


Keiner der beiden Prozesse ist falsch. Regulierung ist notwendig. Ohne sie wird kein Alltag möglich, keine Planung, keine Handlungsfähigkeit. Aber wenn Regulierung der einzig verfügbare Modus wird, geht damit oft Erschöpfung einher. Nicht weil zu wenig reguliert wird — sondern weil zu wenig anderes möglich ist.

Wie Emotionen kulturelle und soziale Bedeutung tragen

Emotionen sind aktuellsten neurowissenschaftlichen Erkenntnissen (vgl. Lisa Feldman-Barrett, 2024) zufolge keine vordefinierten Zustände oder Objekte, die in uns wohnen oder „aktiviert“ oder getriggert werden. Sie werden im Moment live konstruiert — auf Basis von Körpersignalen, Erinnerung, aber eben auch Kontextinformationen und erlernte Bedeutungsmuster. In meiner Arbeit ist Kultur und das soziale System ein wesentlicher, unübersehbarer Kontextfaktor. 

Ein erhöhter Puls ist zunächst einmal ein Körpersignal. Ob er als Angst, Schwäche oder Aktivierung erlebt wird, hängt davon ab, was er in einem spezifischen, gelernten, situativen und kulturellen Feld bedeutet.

In leistungsorientierten Umgebungen dominieren dabei oft vereinfachte binäre Codes: funktionieren oder versagen, stark oder schwach, kontrolliert oder überfordert bzw. Kontrollverlust. Wenn diese Codes entsprechend rigide sind, bleibt das Nervensystem im Alarmzustand - nicht weil objektive Gefahr besteht, sondern weil entsprechende Bedeutungen entsprechend Bedrohung assoziieren. 


Wenn Müdigkeit wiederholt „Versagen” bedeutet, reagiert das System mit Stress. Wenn Wut bedeutet „Ich bin ein schlechter Mensch”, wird sie unterdrückt, bevor sie verstanden werden kann. Zweifel wird häufig erlebt als Inkompetenz. Vulnerabilität führt oft direkt zu Scham. Diese Übersetzungen laufen vor einer bewussten Reflexion. Sie sind nicht individuelles Versagen — sie sind kulturell bedingt und biografisch gelernt.

 


Hier setzt Resonanzpraxis an: 


Wir sprechen über die Erfahrung, um aus der Erfahrung sprechen zu können


In unseren Sitzungen achten wir auf zwei Prozesse, die einander dynamisch bedingen: 
Wir sprechen über Ihre Erfahrungen – um die Bedeutungen, Rollen und Erwartungen zu verstehen, die sie prägen. Welche Muster, Dynamiken und Codes laufen unbewusst und automatisch ab? Welche Positionen, Botschaften und Stimmen bewerten das Erleben? Welche Regeln wurden wo gelernt? Dabei halten wir einen zweiten Fokus: 

 

Sie sprechen aus Ihrer Erfahrung – um sich dabei (wieder) mit dem zu verbinden, was unmittelbar gefühlt und gespürt wird, bevor es bewertet und in seiner Bedeutung eingeordnet und reduziert wird. Ambivalenzen und Unschärfen werden hierbei gehalten und können navigiert werden: Nähe und Abgrenzung, Bindung und Autonomie, Offenheit und Schutz stehen in einem produktiven Spannungsverhältnis.


Über Erfahrungen zu sprechen unterstützt Regulierung und Klarheit. Aus der Erfahrung heraus zu sprechen fördert emotionales Embodiment und psychologische Flexibilität. Wenn Gefühle nur kontrolliert werden, bleiben sie unter Druck. Wenn sie in Beziehung wahrgenommen werden, beginnen sie sich zu bewegen.
Bei Resonanz geht es nicht darum, Kontrolle zu verlieren. Es geht darum, den Raum behutsam zu erweitern, in dem Sie bewusster antworten können.


Performativität und Leistung sind auch in dem Kontext nicht falsch. Sie werden jedoch bisweilen anstrengend und überfordernd, wenn sie zum einzig verfügbaren Modus ist. Resonanz wird möglich, wenn Sie Ihre Erfahrung, ihr Erleben nicht mehr (nur) als Mittel oder Werkzeug einsetzen müssen. Hier verschiebt sich die Qualität der Aufmerksamkeit: nicht analysierend, nicht instrumentell – sondern achtsam, verkörpert und responsiv (antwortend). 

Resonanzraum: Veränderung geschieht im Dazwischen 


Manche Veränderungen sind nur in und durch Beziehung möglich. Nicht weil die eigene Kraft dazu nicht reicht. Sondern weil bestimmte innere Begegnungen einen Raum brauchen, der mehr ermöglicht als Selbstreflexion und Introspektion. Wenn Sie allein über Ihre Erschöpfung nachdenken, passiert häufig Folgendes: Der Teil von Ihnen, der funktioniert, beurteilt den Teil, der erschöpft ist. Der kompetente Anteil bewertet den verletzlichen. Das Ergebnis ist meist nicht Verstehen - sondern Druck.


In der achtsamkeitsbasierten, therapeutischen Arbeit entsteht etwas anderes. Es bildet sich ein Raum, der keinem der Beteiligten alleine zugeschrieben werden kann. In diesem Raum können innere Zustände, die sich sonst gegenseitig ausschließen, nebeneinander existieren: Kompetenz und Erschöpfung. Stärke und ein Fragen nach Hilfe. Der Erwachsene und das Kind, das lange getragen hat. Das geschieht nicht durch Analyse oder Planbarkeit. Es geschieht, weil der Raum zwischen uns Bedingungen herstellt, die Sie allein nicht herstellen können: eine Aufmerksamkeit, die nicht bewertet. Eine Verlangsamung, die nicht erzwungen wird.

 

Eine Gegenwart, in der verschiedene Seiten von Ihnen da sein dürfen, ohne dass eine die andere verdrängen muss. Wenn das möglich wird, verändert sich etwas in der Art, wie Sie sich auf sich selbst beziehen. Die inneren Grenzen werden durchlässiger — nicht aufgelöst, sondern beweglicher. Erschöpfung muss Kompetenz nicht mehr bedrohen. Verletzlichkeit muss Stärke nicht mehr widerlegen.
Diese Durchlässigkeit entsteht nicht, weil Sie es sich vornehmen. Sie entsteht, weil das aktuelle Beziehungsfeld es ermöglicht.

 

Das ist gemeint, wenn ich von Resonanz spreche: Nicht ein passives Erleben von Harmonie. Sondern die Erfahrung, dass innere Begegnung möglich wird — gehalten durch einen Raum, der mehr ist als die Summe seiner Teile.

In meiner therapeutischen Arbeit gehe ich dabei davon aus, dass Beziehung in Resonanz nicht nur ein wichtiger Begleitfaktor, sondern vielmehr ein zentrales Medium psychischer Veränderungsprozesse ist. Interaktionale und relationale Muster, die Menschen belasten und blockieren, lassen sich nicht isoliert durch Nachdenken, Einsicht oder Verstehen verändern. Muster und Dynamiken entstanden und entstehen häufig in Beziehungen – und können oft nur dort anders erfahren und entsprechend als korrigierend erlebt werden.

Auf Grundlage der Emotionsfokussierten Therapie (EFT) und der Bindungstheorie verstehe ich dabei Emotionen als  Bindungs- und Beziehungssignale. Sie zeigen auf einer tieferen Ebene, wo Nähe gesucht wird, wo Schutz und Anpassung nötig ist oder wo frühere Bindungserfahrungen wirksam werden (erlebt z.B. durch Anspannung, einseitige Fixierung auf Lösungen, Vermeidung, Abwehr, Rückzug, etc.). In der therapeutischen Beziehung können diese Signale und Impulse nicht nur bemerkt, sondern vor allem neu erfahren und gestaltet werden:

„Etwas fühlen, ohne dass es eskaliert.“
„Sich nicht zusammenreißen oder zurückziehen müssen, um in Kontakt bleiben zu können.“
„Ich werde nicht zurückgewiesen, wenn ich mich zeige.“

„Das fühlt sich nicht mehr an wie: so bin ich eben.“

„Ich habe einen Moment mehr Zeit, bevor ich reagiere.“
„Ich merke, dass dieses schwierige Gefühl genau hier entsteht – und nicht überall.“

Mit dieser Differenzierung geht emotionale Intelligenz und Selbstwirksamkeit einher. Nicht als Kontrolle über Emotionen, sondern als innere Bewegungsfreiheit: Die Möglichkeit, wahrzunehmen, zu unterscheiden und bewusst zu antworten, statt automatisch zu reagieren. Veränderung entsteht dort, wo schwierige Emotionen und Beziehungsbedürfnisse bewusster wahrgenommen, gehalten, verarbeitet und (co-)reguliert werden können – nicht dort, wo diese nur kognitiv analysiert, interpretiert oder erklärt werden. Lernen und Veränderung vollzieht sich in diesem Zusammenhang konkret bzw. erfahrungsbasiert.

Therapie wird so zu einem Begegnungs- und Lernraum, in dem Beziehung differenzierter, sicherer und lebendiger erlebt werden kann. Verstehen und Einsicht ist hier vielmehr eine Folge des therapeutischen Prozesses, nicht so sehr Dreh- und Angelpunkt. 

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