top of page
pxfuel.com.jpg
Was im Dazwischen entsteht: Resonanz & Raum

Manche Veränderungen kann man nicht alleine "herstellen". Manche Erfahrungen sind nur in menschlicher Beziehung, in der Begegnung und Verbindung möglich. Nicht weil es an Fähigkeiten, Achtsamkeit oder Kraft mangelt. Sondern weil bestimmte innere Erfahrungen einen Raum brauchen, der mehr ermöglicht als Selbstreflexion und Introspektion. 

 

Wenn Sie allein z.B. über Ihre Erschöpfung nachdenken und nach innen spüren, ist da mindestens ein innerer Konflikt: Der Teil von Ihnen, der funktioniert, beurteilt den Teil, der erschöpft ist. Der kompetente Anteil bewertet den verletzlichen. Das Ergebnis ist selten Verständnis - sondern Druck und/oder Abwertung.


In der achtsamkeitsbasierten therapeutischen Arbeit kann demgegenüber etwas anderes entstehen. Es bildet sich ein Raum, der keinem der Beteiligten alleine zugeschrieben werden kann. In diesem Raum können innere Zustände, die sich sonst gegenseitig ausschließen, nebeneinander und anders existieren: Kompetenz und Erschöpfung. Stärke und ein Fragen nach Hilfe. Verschiedene Zustände und Anteile und ihre jeweiligen Narrative und Bedeutungen. Das geschieht nicht durch Analyse, Steuerung oder Planbarkeit. Es geschieht vermutlich am ehesten, weil der Raum zwischen uns bestimmte Bedingungen ermöglicht: Eine menschliche Aufmerksamkeit, die nicht bewertet (obwohl sie bewerten könnte). Eine Verlangsamung, die nicht erzwungen wird. Eine Gegenwart, in der verschiedene Seiten von Ihnen da sein dürfen, ohne dass eine die andere dominieren oder verdrängen muss. Wenn das möglich wird, verändert sich etwas in der Art, wie Sie sich auf sich selbst beziehen. Die inneren Grenzen werden durchlässiger - nicht aufgelöst, sondern beweglicher. Erschöpfung muss Kompetenz nicht mehr bedrohen. Verletzlichkeit muss Stärke nicht mehr widerlegen.
Diese Durchlässigkeit entsteht nicht, weil Sie es sich vornehmen. Sie entsteht, weil das Beziehungsfeld es ermöglicht.

Das ist hier gemeint, wenn ich in meiner Arbeit von Resonanz und (Welt-)Beziehung in Anlehnung an Prof. Rosas Resonanztheorie spreche: Nicht ein passives Erleben von rühriger Harmonie und Positivität. Sondern die aktive, antwortende Erfahrung, dass innere Begegnung und Beziehung ohne Optimierung jenseits eines an sich Arbeiten möglich wird - gehalten durch einen Raum, der bestenfalls mehr ist als die Summe seiner einzelnen Teile.

 

​​

Regulation und Resonanz: 

Viele Menschen in meiner Praxis haben bereits sehr viel für sich getan, sind reflektiert. Sie regulieren sich. Sie managen sich oft bei hoher Intensität, selbst bei chronischem Stress. Sie bringen häufig unter Druck besondere Leistungen. Diese Fähigkeiten zur Regulation haben sie meist lange und weit getragen - beruflich, in Beziehungen, im Alltag.

„Ich fühle mich mit mir selbst nicht mehr verbunden“


Und doch ist da oft ein spürbares Unbehagen, etwas bleibt fremd. Etwas ist nicht (mehr) synchron. Nicht weil noch zu wenig Wissen und Einsicht da wäre. Sondern weil die Art, wie man sich selbst begegnet und auf sich selbst bezieht, instrumentell (geworden) ist: Gefühle werden schnell bewertet, kontrolliert, eingeordnet. Instrumentell bedeutet hier z.B.: 

 

„Ich muss etwas mit diesem Gefühl tun."

Müdigkeit ist dann ein Problem, das gelöst werden muss. Angst ist ein Zustand, der kontrolliert werden muss. Traurigkeit ist ein Hindernis, das überwunden werden muss. Die Beziehung zum Erleben ist die eines Technikers zu einer Störung.


In vielen modernen Domänen – sei es Arbeit, Führung, Elternschaft oder digitale Kommunikation – wird permanente Selbststeuerung als gesundes Selbstmanagement normalisiert. Wir sind es gewohnt, uns selbst wie Projekte zu behandeln: regulieren, anpassen, verbessern, vermeiden. Das Erleben selbst wird in gewisser Weise zum Material - für Selbstoptimierung und Stabilisierung, Bewältigung und Kontrolle, Funktionsfähigkeit. Mit smart devices und KI/AI wird diese Form der instrumentellen Beziehung in den nächsten Jahren vermutlich noch deutlich „naheliegender“ und selbstverständlicher werden, als es im Alltag mit Self-Monitoring und Self-Tracking bereits gewohnte Selbstbeziehung ist. 


Die Prozessforschung zu nachhaltigen Veränderungen in der Therapie zeigt seit Jahrzehnten: Therapie wirkt dort am stärksten, wo Menschen nicht nur über Erfahrung sprechen und umfassend Bescheid wissen, sondern aus dem unmittelbaren, noch nicht integrierten Erleben heraus sprechen (lernen). 

In meiner therapeutischen Arbeit differenziere ich zwischen der Fähigkeit, Erleben zu regulieren, und der Fähigkeit, diesem zu begegnen.

Regulation fragt hier: Wie bleibe oder werde ich funktions- und leistungsfähig?


In Resonanz fragt man: Was sagt mir mein Erleben und wie erlebe ich mich dazu in Beziehung?


Keiner der beiden Prozesse ist falsch. Regulation und Kontrolle sind notwendig. Ohne sie wird kein Alltag möglich, keine Planung, keine Handlungsfähigkeit. Aber wenn Regulation der einzig verfügbare Modus wird, erschöpft sich dies mittel- bis langfristig. Nicht weil zu wenig reguliert wird - sondern weil zu wenig anderes möglich ist.​​

Emotionen tragen kulturelle und soziale Bedeutung
 

Eine weitere Grundlage meiner Arbeit: Emotionen sind aktuellen neurowissenschaftlichen Erkenntnissen (vgl. Lisa Feldman-Barrett, 2024*) zufolge keine vordefinierten Zustände oder Objekte die man eben irgendwo hat, die irgendwie in uns wohnen oder „aktiviert“ bzw. getriggert werden. Sie werden vielmehr im Nervensystem als erfahrungsabhängige Vorhersagen im Moment live berechnet und konstruiert.  

Dies geschieht auf Basis von Körpersignalen, Erinnerung, aber eben auch Kontextinformationen und erlernte Bedeutungsmuster. In meiner Arbeit ist Kultur und das soziale System ein wesentlicher, in der Praxis nicht übersehbarer Kontextfaktor*.

Ein erhöhter Puls ist zunächst einmal ein Körpersignal. Ob er als Angst, Schwäche oder Aktivierung erlebt wird, hängt davon ab, was er in einem spezifischen, gelernten, situativen und kulturellen Feld bedeutet.

In leistungsorientierten, schnellen und entscheidungsfokussierten Lebenswelten dominieren oft vereinfachte binäre Codes: funktionieren oder versagen, stark oder schwach, kontrolliert oder überfordert bzw. Kontrollverlust. Wenn diese Codes entsprechend rigide sind, bleibt das Nervensystem im Alarmzustand - nicht weil objektive Gefahr besteht, sondern weil entsprechende Bedeutungen entsprechend Bedrohung assoziieren. 


Wenn Müdigkeit wiederholt oder ständig „Versagen” bedeutet, reagiert das System bei entsprechenden Körpersignalen direkt mit Stress. Wenn Wut bedeutet „Ich bin ein schlechter Mensch”, wird sie unterdrückt, bevor sie verstanden werden kann oder es kommt Schuld auf. Zweifel wird häufig erlebt als Inkompetenz. Vulnerabilität führt oft ohne Umwege zu Scham. Diese Übersetzungen laufen noch vor einer bewussten Reflexion. Sie sind nicht individuelles Versagen - sie sind kulturell und biographisch bedingt und gelernt. Demgegenüber wird in der Therapie als Lernerfahrung möglich: 
 

„Ich muss nicht ausschließlich souverän sein, um mich sicher zu fühlen.“

„Ich kann Hilfe annehmen, ohne dass es sich anfühlt wie Versagen.“

„Ich spiele immer noch Rollen - aber ich glaube nicht mehr, dass sie alles sind.“


Hier setzt Resonanzpraxis an: 


Wir sprechen über die Erfahrung, damit Sie anders aus der Erfahrung sprechen können


In unseren Sitzungen achten wir auf zwei Prozesse, die einander laufend bedingen: 
Wir sprechen über Ihre Erfahrungen – um die Bedeutungen, Rollen und Erwartungen zu verstehen, die sie prägen. Welche Muster, Dynamiken und bisher unbesprochenen "Codes" laufen unbewusst und automatisch ab? Welche Positionen, Botschaften und Stimmen bewerten das Erleben? Welche Regeln wurden wo gelernt?

 

Dabei halten wir einen zweiten Fokus: 

Sie sprechen aus Ihrer Erfahrung – um sich dabei (wieder) mit dem zu verbinden, was unmittelbar gefühlt und gespürt wird, bevor es bewertet und in seiner Bedeutung eingeordnet und reduziert wird. Ambivalenzen und Unschärfen werden hierbei gehalten und können navigiert werden: Nähe und Abgrenzung, Bindung und Autonomie, Offenheit und Schutz stehen in einem produktiven Spannungsverhältnis.


Über Erfahrungen zu sprechen unterstützt Regulierung und Klarheit. Aus der Erfahrung heraus zu sprechen fördert emotionales Embodiment und psychologische Flexibilität. Wenn Gefühle nur kontrolliert werden, bleiben sie unter Druck. Wenn sie in Beziehung wahrgenommen werden, beginnen sie sich zu bewegen.
Bei Resonanz geht es nicht darum, Kontrolle zu verlieren. Es geht darum, den Raum behutsam zu erweitern, in dem Sie bewusster antworten können.


Resonanz wird möglich, wenn Sie Ihre eigene Erfahrung, ihr Erleben nicht mehr (nur) als Mittel zum Zweck oder Werkzeug einsetzen müssen. Hier verschiebt sich die Qualität der Aufmerksamkeit: nicht analysierend, nicht instrumentell – sondern achtsam, verkörpert und responsiv (antwortend). ​​
 

In meiner systemischen Arbeit gehe ich dabei davon aus, dass eine solche Beziehung in Resonanz nicht nur ein wichtiger Begleitfaktor, sondern vielmehr zentrales Medium psychischer Veränderungsprozesse ist. Interaktionale und relationale Muster, die Menschen belasten und blockieren, lassen sich nicht isoliert durch Nachdenken, Einsicht oder Verstehen verändern. Muster und Dynamiken entstanden und entstehen in Beziehungen – und können oft nur dort anders erfahren und entsprechend als korrigierend erlebt werden.

Auf Grundlage der Emotionsfokussierten Therapie (EFT) und der Bindungstheorie verstehe ich dabei Emotionen als  Bindungs- und Beziehungssignale. Sie zeigen auf einer tieferen Ebene, wo Nähe gesucht wird, wo Schutz und Anpassung nötig ist oder wo frühere Bindungserfahrungen wirksam werden (erlebt z.B. durch Anspannung, Rationalisierung, Vermeidung, Abwehr, Rückzug, etc.). In der therapeutischen Beziehung können diese Signale und Impulse nicht nur bemerkt, sondern neu erfahren und gestaltet werden:

„Etwas fühlen, ohne dass es eskaliert.“
„Sich nicht zusammenreißen oder zurückziehen müssen, um in Kontakt bleiben zu können.“

„Ich zeige mehr von mir, ohne dass es sich anfühlt wie ein Risiko."

„Ich verstehe, warum ich so geworden bin. Aber es definiert mich nicht mehr."

„Das fühlt sich nicht mehr an wie: so bin ich eben.“

„Ich kann erschöpft sein und trotzdem wissen, dass ich gut bin in dem, was ich tue."
„Ich merke, dass dieses schwierige Gefühl genau hier entsteht – aber eben nicht überall.“

Mit dieser Differenzierung geht emotionale Intelligenz und Selbstwirksamkeit einher. Nicht als Kontrolle über Emotionen, sondern als innere Fluidität und Bewegungsfreiheit: Die Möglichkeit, wahrzunehmen, zu unterscheiden und bewusst zu antworten, statt automatisch und unflexibel zu reagieren. Veränderung entsteht dort, wo schwierige Emotionen und Beziehungsbedürfnisse bewusster wahrgenommen, gehalten, verarbeitet und (co-)reguliert werden können – nicht dort, wo diese nur kognitiv analysiert, interpretiert oder erklärt werden. Lernen und Veränderung vollzieht sich in diesem Zusammenhang konkret bzw. erfahrungsbasiert.

Therapie wird so zu einem Begegnungs- und Lernraum, in dem (Welt-)Beziehung differenzierter, sicherer und lebendiger erlebt werden kann. Verstehen und Einsicht ist hier vielmehr eine Folge dieses therapeutischen Prozesses, nicht eigentlicher Dreh- und Angelpunkt. 

*Meine Arbeit ist entsprechend kulturpsychologisch und -soziologisch informiert und fundiert. Dadurch werden sozial relevante Kontextaspekte, Machtdynamiken und -wirkungen im therapeutischen Prozess mit einbezogen.

*Cristaldi, F. de P., Oosterwijk, S. & Barrett, L. F. (2024). Predictive processing and embodiment in emotion. 

In L. Shapiro & S. Spaulding (Eds.), The Routledge Handbook of Embodied Cognition. 

Heinrich-Roller-Str. 17

10405 Berlin

post@praxis-martin-schmid.de

 

Tel.: +49 (0) 176 2582 0582

2. Standort: 

Dorotheenstraße 37

10117 Berlin Mitte

  • LinkedIn
  • Facebook

Di:  10-21 Uhr

Mi: 16-21 Uhr

Do:10-21 Uhr

Fr:    9-21 Uhr

​​Sa: 10-16 Uhr​

Herzlichen Dank für die Nachricht. Sie erhalten i.d.R. innerhalb von 48 Std. eine Rückmeldung

© 2026 Martin Schmid

bottom of page